Mittwoch, 14. März 2012

DIY: Bremsbelagswechsel (Festsattel)

I. Einführung
Nach einem Kostenvoranschlag einer Vertragswerkstatt kam ich doch ins Grübeln, ob und in wieweit nicht der eigenhändige Wechsel der Bremsbeläge wirtschaftlich Sinn machen könnte. Stellt man den eigenen Stundenlohn den eingesparten Kosten gegenüber, muss sich wohl jeder selbst diese Frage beantworten. Exemplarisch wird im Folgenden der Bremsbelagswechsel an der Festsattelbremse des Mercedes E 500 MoPf beschrieben.

II. Benötigte Hilfsmittel
Keine Reparatur kann ohne richtiges Werkzeug erfolgen. Nutzt man ungeeignete Hilfsmittel, ist die Gefahr von Beschädigungen oder einer Fehlmontage nicht unerheblich!
Übersicht über benötigte Hilfsmittel

  • Wagenheber
  • Unterstellbock (um das Fahrzeug zu sichern; man kann auch das demontierte Rad unter das Auto legen, als Sicherheit)
  • Arbeitshandschuhe
  • Kreuzschlüssel (Radkreuz)
  • Drehmomentschlüssel
  • Hammer
  • Durchschlag
  • Messingbürste
  • Zwei massive Schraubenzieher oder Montagehebel
  • Pappe oder dünnes Holz
  • Keramikpaste
  • optional Bremsenreiniger
III. Benötigte Teile

Bei der Auswahl der Bremsbeläge gilt es aufzupassen, gibt es doch eine Vielzahl von Fallstricken.

1. Mechanisch passende Teile
Zunächst ist abzuklären, in wieweit die Bremsbeläge mechanisch in den Bremssattel passen. Leider verfügen die meisten Online-Shops nur einen Filter nach Schlüsselnummer, nicht aber nach Fahrgestellnummer. Hersteller wie Mercedes, aber auch andere, verbauen jedoch bei ein und demselben Modell verschiedene Bremsanlagen, je nach gewählter Ausstattung oder Bauzeitraum. Es empfiehlt sich also zu Vergleichszwecken entweder die original-Teilenummer der Bremsbeläge zu beschaffen (z.B. bei der Vertragswerkstatt oder in Internetforen) oder zumindest die Abmessungen der Beläge zu dokumentieren und dann geziehlt die Online-shops zu durchforsten.

2. Welche Beläge nimmt man?
Der Markt bietet eine Vielzahl von Belägen an. Von No-Name hin zur Marke. Staubreduzierende Keramikbeläge. Sportbeläge. Die Auswahl ist fast schon erschlagend. Man könnte geneigt sein, das zu bestellen, dessen sich der Hersteller auch bedient. Im Fall des E 500 mit der 350mm Bremsanlage ist dies Jurid (Honeywell). Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass die Fahrzeughersteller mit ihren Zulieferern enge Verträge haben, die die Belagsmischung exklusiv für den Hersteller sichern. Im Zubehör erworbene Beläge des gleichen Zulieferers haben demnach nicht selten eine abweichende Belagsmischung. Ich selbst habe mich für einen guten Markenbremsklotz entschieden.

3. Zulässigkeit
Bremsbeläge benötigen in Europa eine Zulassung (E-Prüfnummer). Auf diese gilt es schon aus Gründen der eigenen Sicherheit zu achten. Man stelle sich einen Sportbremsbelag vor, der jedoch bei kalter Bremse nicht verzögert - so ein Belag würde zum Glück kein E-Zeichen erhalten. Insofern ist dies auch ein gewisses Qualitätsindiz.

4. Fazit
Ich habe bei ws-autoteile unter anderem Jurid-Bremsklötze bestellt. Bitte nicht den passenden Warnkontakt vergessen!

IV. Der Wechsel.
1. Vorarbeit
Grundsätzlich sind die Arbeiten nacheinander an jeder Seite durchzuführen. Dabei sollte eine Seite immer unangetastet bleiben, um im Falle von Unsicherheiten wie etwas montiert war den Vergleich zu haben. Die folgende Beschreibung gilt nicht für Fahrzeuge mit SBC-Bremssystem! Hier bitte gesonderte Hinweise beachten!

  1. Fahrzeug parken und mit Handbremse sichern (bei Arbeiten an der Hinterachse Vorderräder mit Keilen sichern)
  2. Radschrauben mit Kreuzschlüssel lösen (17mm)
  3. Fahrzeug an den dafür vorgesehenen Wagenheberaufnahmen mit Wagenheber anheben, bis sich das Rad frei drehen kann, Fahrzeug mit Unterstellbock sichern
  4. Radschrauben komplett lösen, Rad demontieren (Rad ggf. zur Sicherung unter das Fahrzeug legen
  5. Lenkrad so einschlagen, dass der Sattel aus dem Radhaus heraus auf den Monteur zeigt
2. Aufbau des Festsattels
Um den Wechsel der Bremsbeläge fachgerecht zu vollziehen, muss der Aufbau einer Festsattelbremsanlage verstanden werden.
350mm Bremsanlage von Mercedes
Die (wesentlichen) Bestandteile:


  1. Sicherungssplint
  2. Federblech
  3. Bremsbeläge
  4. Bremskolben
Die 350mm Anlage verfügt über einen Vierkolben Festsattel. Wird die Bremse betätigt drücken jeweils zwei Kolben (4) auf den jeweiligen Belag (3) und pressen diese so auf die Bremsscheibe. Die Beläge werden dabei durch die Splinte (1) gegen Verrutschen geschützt. Die Feder (2) verhindert unangenehme Vibrationen (Quitschen).

3. "Action"
Wie beschrieben drücken die Kolben die Beläge gegen die Scheibe. Nun haben aber verschlissene Bremsklötze eine deutlich geringer Stärke (Dicke) als neue Bremsklötze. Daher müssen zunächst die Bremskolben zurückgedrückt werden. Die Werkstatt benutzt dazu eine Presse. Wir können uns jedoch mit einer Zange und einem Schraubenzieher helfen.
Demontage der verschlissenen Bremsklötze
  1. Im Motorraum Bremsflüssigkeitsbehälter suchen und öffnen
  2. Bremsbelagwarnkontakt aus dem Stecker ziehen (grüner Pfeil)
  3. Bremsbeläge mit einer Zange etwas von der Bremsscheibe entfernen (blauer Preil). Pappe am Bremssattel unterlegen um diesen vor Kratzern zu schützen; Achtung, gleichmäßig arbeiten!
  4. Mit Schraubenziehern zwischen Bremsscheibe und Beläge gehen und gleichmäßig die Beläge komplett  solange bearbeiten, bis die Bremskolben komplett im Sattel sind
  5. Mit Durchschlag und Hammer die Splinte von außen nach innen treiben (roter Pfeil); Achtung: Unbedingt einen Durchschlag nehmen, da sonst die Beschädigung des Sattels droht!
  6. Feder und Splinte entnehmen
  7. Beläge herausziehen
Bevor die neuen Beläge montiert werden können, sind gewisse Zwischenschritte nötig. Zunächst sollte man die alten und neuen Bremsbeläge optisch vergleichen. Sind sie vergleichbar ist an der Trägerplatte der neuen Beläge (Hinterseite) Keramikpaste aufzutragen. Ich verwende Pagid.
Keramikpaste von Pagid
Dies dient dazu Vibrationen zu verhindern (Quitschen). Die früher verwendete Kupferpaste empfiehlt sich bei modernen Bremssystemen aufgrund von Wechselwirkungen mit dem ESP nicht. Achtung: Die eigentliche Kontaktfläche Bremsscheibe/Beläge muss zwingend immer frei von Ölen und Fetten gehalten werden!

Im nächsten Schritt wird an den Belag der Schleißsensor geclipt. Die Bremsklötze sind jetzt fertig zum Einbau.
Bevor sie ihren Weg in die Bremssättel finden können, sollten diese von groben Schmutz befreit werden. Dazu mit der Messingbürste die angegebenen Stellen reinigen. Wenn nötig auch Bremsenreiniger verwenden.
Reinigung des Sattels mit Messingbürste
Nun können die Bremsbeläge in den Sattel geschoben werden. Achtung: Viele Beläge sind Laufrichtungsgebunden! Bitte entsprechende beigelegte Hinweise des Herstellers beachten! Pfeile auf der Trägerplatte beachten!
Die weitere Montage erfolgt in umgekehrter Reihenfolge zur Montage. Zunächst die Splinte von hinten durch den Sattel und den hinteren Belag schieben. Anschließend die Feder auflegen und die Splinte durch diese schieben. Abschließend die Splinte mit Hammer und dicker Schraube oder Durchschlag durch den äußeren Belag und den Bremssattel treiben, bis die Splinte völlig im Sattel aufgenommen wurden. Nun kann auch der Verschleißsensor ans Fahrzeug angeschlossen werden.


4. Nacharbeit
  1. Lenkung gerade stellen
  2. Rad montieren. Dabei Radschrauben überkreuz handfest mit dem Kreuzschlüssel (17mm) anziehen
  3. Unterstellbock entfernen
  4. Fahrzeug ablassen
  5. Radschrauben überkreuz mit dem vorgeschriebenen Drehmoment anziehen (130Nm)
  6. Bremsflüssigkeit auf korrekten Stand überprüfen. Gegebenenfalls überflüssiges Hydrauliköl mit Spritze absaugen.
  7. nach 50km Fahrt Radschrauben mit Drehmomentschlüssel nachziehen
V. Einbremsen
Eine so aufgefrischte Bremse muss zunächst eingefahren werden. Dabei sollte man Vollbremsungen vermeiden. Da ich die Bremsscheiben nicht erneuert habe, gestaltet sich das Einbremsen deutlich komplexer als gedacht. So müssen sich die Beläge zunächst der Oberfläche der Bremsscheibe anpassen - dies dauert bis zu 500km.
Anschließend muss die Scheibe eingelaufen werden:
  1. Geometrischer Einlauf: Bei mittlerem Pedaldruck und Kühlvorgängen zwischen den Bremsvorgängen werden die Beläge im unteren Bereich thermisch belastet. Es empfehlen sich Bremsungen aus mittlerer Geschwindigkeit (z.B. von 100 auf 40 - niemals in den Stand) und Kühlphasen von etwa 500m zwischen den Vorgängen
  2. Thermischer Einlauf: Drei Bremsungen bei stärkerem Pedaldruck (z.B. aus 170km/h auf 80km/h) aber ohne in den ABS-Regelbereich zu kommen mit Kühlvorgängen zwischen den Bremsungen (500-800m).
VI. Fazit
Gegenüber dem Vertragshändler konnte ich etwa 120 € einsparen. Lässt man sich Zeit, benötigt man rund eine Stunde pro Achse. Sicherlich werden einige einen Stundenlohn von mehr als 120 € haben - allerdings kann man die Sache ja auch als Hobby betrachten ;). Alle Angaben ohne Gewähr, [JG]

Kommentare:

  1. Das sind dochmal infos, die man auch an seinen Kunden schicken kann. Vielen Dank für die praktische Übersicht!

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  2. Vielen Dank für die sehr genau Beschreibung. Ich war zwar nicht so schnell wie du konnte aber immerhin noch ein paar Euros im Vergleich zur Autowerkstatt sparen.

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  3. Na was ist das denn: "Dabei sollte eine Seite immer unangetastet bleiben, um im Falle von Unsicherheiten wie etwas montiert war den Vergleich zu haben."
    Ja klar, eine Schrauber-Karriere sollte unbedingt an solch sicherheitsrelevanten Baugruppen wie z.B. der Bremsanlage begonnen werden.

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  4. Danke für die tolle Anleitung. Endlich mal eine brauchbare Schritt-für-Schritt Anleitung, mit der man was anfangen kann. Auch die Bilder geben schnell Aufschluss und veranschaulichen die beschriebenen Arbeiten sehr gut!

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  5. 2.Thermischer Einlauf: Drei Bremsungen bei stärkerem Pedaldruck

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  6. Umfangreiche und sehr ausführliche Anleitung! Weiter so!

    Lg
    83metoo

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  7. Ich mag wirklich den Klang dieses Teils des Autos.

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